Wo sind all die Nazis geblieben?
von Bodo Fischer und Satu Fischer-Kongts0
Am 6. Dezember 1935 wurde Bodo Fischer in Hannover geboren. Ein Nikolauskind, doch an seiner Geburt war nichts Märchenhaftes. Als unehelicher Sohn einer »arischen« Frau und eines jüdischen Mannes galt er im Klassifikationssystem des Dritten Reichs als »Mischling ersten Grades« – mehr wert als ein Jude, weniger als ein Mensch. Gemeinsam mit seiner Tochter erzählt er die Geschichte seiner Kindheit, anhand der Porträts der Personen, die ihn geprägt haben: Eine Mutter, die zu sehr Freigeist war, um Mutter zu sein. Eine Großmutter, die den Enkel aufzog, mit dessen Existenz sie haderte. Ein Großvater, der an die Gerechtigkeit Gottes glaubte, und ein Vater, der als Phantom über allem schwebte.
Wie konnten Menschen zu Nazis werden? Acht Millionen NSDAP-Mitglieder bedeuteten ideologisch durchsetzte Verwaltungen, Gerichte, Medien, Vereine, Betriebe, medizinische und Bildungseinrichtungen. Was wurde aus diesen verhängnisvollen Strukturen nach 1945? Die Themen dieses Buches führen aus der Vergangenheit ins Jetzt, vom Dritten Reich in die Bundesrepublik, von Deutschland nach Israel und wieder zurück. Die drängende Frage lautet, wie verhindern wir die fatale Renaissance des Gedankenguts, das in die Katastrophe von Holocaust und Zweitem Weltkrieg mündete?
Das polyseme Fundament der Wirklichkeit
Dieses Open-Access-Buch befasst sich mit der diskursiven Konstruktion von ‚deutscher Nation‘, wie sie sich in öffentlichen Debatten um nationalen Ein- und Ausschluss offenbart. Staatsangehörigkeit und Einbürgerung sind zentrale Instrumente dieser sozialen Schließung. Anhand der widerstreitenden Diskurse um die Hamburger Einbürgerungsinitiative lässt sich exemplarisch ermitteln, welche diskursiven Grundbegriffe das deutsche Selbstverständnis anleiten. Zu diesem Zweck vereint die Autorin unterschiedliche diskursanalytische Traditionen mit Methoden der klassischen Ethnographie zu einem Ansatz der Diskursethnologie. Die Analyse zeigt, dass die öffentliche Debatte zwischen einem staatsnationalen und einem ethnonationalen Pol oszilliert. Beide nehmen ihren Ausgangspunkt in der unterschiedlichen Ausformulierung ihrer gemeinsamen Grundbegriffe. Diese Polysemie führt dazu, dass sich in der öffentlichen Arena antagonistische Wirklichkeitssphären gegenüberstehen, die mit Hilfe emotionalisierter Identitätsangebote Macht auf ihre Adressat*innen ausüben.
Wortsalat
Lass uns mal reden, über das Chaos da draußen und die Ordnung in unseren Köpfen, über dieses schlüpfrige Etwas namens Kultur. Lass uns reden, aber ohne Wortsalat. Ohne leere Worte und solche, die so übervoll sind an Bedeutung, dass am Ende keiner von uns mehr weiß, worüber wir eigentlich sprechen. Unsere Schubladen und Bilder im Kopf, die ganzen Selbstverständlichkeiten unseres gesunden Menschenverstands, wir legen alles auf den Tisch. Bist du nicht auch neugierig auf das, was sich hinter der Fassade des Unhinterfragten verbirgt? Was dort gedeiht, im Schatten von Intuition und Vernunft? Na dann los, lass uns die Wirklichkeit sezieren. Worte haben uns lange genug auf der Zunge herumgetanzt. Es wird Zeit, sie ins Kreuzverhör zu nehmen!